20.07. – 03.08.2013 Tourlaub

Rakis Tourtagebuch

Schmeisig geht auf Tour – nicht nur halbherzig ein Wochenende lang, sondern 16 Tage am Stück – das passiert äußerst selten, bestenfalls alle drei Jahre mal. Auf Tour gehen – vor 10 Jahren war das für mich eher alltäglich – diesmal ging dem ein dreiviertel Jahr Planung voran, endlos viele Mails, ein zeit- und nervenraubendes Hin- und Her von Terminen und Orten, Meinungen und Vermutungen, Wünschen und Befürchtungen. Marek Lieberberg würde weinen aus Respekt vor dem, was wir alles durchgestanden haben. Nun ist unsere Kapelle außerhalb des Radius von 500km wirklich nicht gerade irrsinnig bekannt, außerdem galt es neben den Bandbelangen noch den Interessen von fünf begleitenden Frauen, derer eine spontan hochschwanger wurde, sowie vier Kleinkindern und einem Großvater nachzukommen, die wir als Crew engagiert hatten. Da ist so ein Tourlaub durchaus ein ehrgeiziges Projekt!
Los ging es kurz nach der Zeugnisausgabe im Konvoi gen Sachsen, wohin wir schon zigmal eingeladen worden waren, aber stets angesichts der Entfernung absagen mussten. Nun passte es als Tourstart super, und wenn schon Festival, dann kommen wir natürlich auch am Abend vorher, um uns warmzutrinken! Wie im gesamten Tourlaub war jeder nach eigenem Gusto untergebracht – was für Sebi und mich Igluzelt auf steinhartem Reitplatz backstage bedeutete. Wäre nach einem entspannten Abend mit den Lokalmatadoren und anderen vergnüglichen Bands auch völlig egal gewesen, so müde, wie wir nach sieben Stunden Fahrt und ich nach den letzten Schulwochen waren. Unsere Nachbarn hatten sich aber grad erst richtig eingesoffen, als wir pennen gingen. Bis halb Sieben lief drei Meter neben unserem Zelt eine Platte der Broilers und sonstiges nach der anderen, gegen Sieben war dann mal Ruhe. Hätte ich doch bloß nen Besenstiel dabei gehabt, um mal energisch gegen die Zeltwand zu bollern! Halb Sieben! Auf nem Festival! Da hört sich doch alles auf!
Nun gut, dem Schlafdefizit kann man begegnen, indem man schon früh ins angrenzende Freibad taumelt. Dort füllte es sich im Laufe des Vormittags immer weiter mit Festivalvolk und nach und nach wurde das Bild recht bemerkenswert: 400 Punks mit massig Getränkevorräten in einem idyllischen Waldfreibad sieht man beileibe nicht täglich. Und noch seltener ein Badpersonal, das dabei die Ruhe gepachtet hat! Gerade noch akribisch hochgesprayte Iros welkten im Badewasser reihenweise wie ungegossene Schnittblumen dahin. Besonders super: marode Surfbretter zum allgemeinen Herumplanschen. Und große Gesundheitsgummibälle, mit denen die Punks im Wasser Zuwerfen spielten. Allein diese Szenerie war die lange Fahrt schon wert.
Irgendwann mussten wir dann leider soundchecken. Weil ich mir ohne Iro und ohne Tattoos schon im Freibad ganz aussätzig vorgekommen war, ließ ich mir dann zwischen Soundcheck und Auftritt noch schnell eine szenekonforme Indianerfrisur rasieren, dann ging’s auf die Bühne. Oh Wunder, die Punks waren noch immer im Freibad und nicht vor der Bühne. Komisch, bei 35 Grad. Egal, wir können ja auch so Unfug treiben. Den Westfalen trommeln durfte ein Ortsansässiger, das heißt, direkt aus Glaubitz kam der gar nicht. Sondern aus Poschwitz, wie er auf Nachfrage verriet. Man muss uns einen infantilen Wessihumor vorwerfen, aber nach 9 Bier ließ sich nicht verhindern, dass ‚Poschwitz‘ auf unserer Tour zum geflügelten Wort wurde… angesichts der ununterbrochenen Hitzewelle in den nächsten Tagen hatte wir jedenfalls alle ne Menge Poschwitz.

Was tut man, wenn das Volk im Freibad weilt und der Auftritt schon rum ist? Man geht mit ohne Strom und mit Akustikinstrumenten ins Besagte und spielt dort noch ein paar Stücke. Betrinkt sich dabei mit alten Kumpels und spontanen neuen besten Freunden mit mitgebrachtem Schnapps und muss anschließend abrupt schlafen gehen.

Wenn Punker schmusen – 20.07. Glaubitz, Waldbad

Irgendwann, während Loikämie spielten, wurde ich wieder fidel und vertrieb mir noch prächtig die Zeit mit einer halben Flasche Baileys, den wirklich guten Skeptikern und den ganz und gar irren ‚Mono für alle‘. Insgesamt war der Tourauftakt super, das Festival hat eine sehr sympathische Atmosphäre und wir danken Daniel und weiteren Mitwirkenden dafür, dass wir da sein durften und hoffentlich wieder eingeladen werden!
Nach Glaubitz trennten sich die Wege der Tourlauber erst einmal – Kulturbeflissene trieb es nach Dresden, während die Sebastiane und ich ins hübsche Altmühltal fuhren, wo wir nach dem Tourauftakt den urlaubsorientierten Teils unseres Tourlaubs einläuteten. Eine gemeinsame Paddeltour führte uns beinahe bis nach München:

Wildwasserfahrten – 22.07. Altmühltal

In München gab’s dann großes Kino: Schon wieder Festival, wenn auch ganz anders: Überall auf dem unübersichtlichen Gelände des Backstage fand irgendwas statt, wir mittendrin und sowohl Open Air als auch überdacht, mit schicken Liegestühlen fürs Publikum. Sehr entspannt! Das Konzert war fraglos das beste der Tour, das Backstage entging angesichts der ausufernden Stimmung nur knapp der extatischen Zerstörung und reihenweise zogen die Zuschauer blank, so erzählt man sich. Pennen konnten die Wohnmobilisten unter uns direkt vor der Tür, sodass sogar das Babyphone bis vor die Bühne reichte – solche Aspekte sind bei einem Tourlaub von nicht zu unterschätzendem Belang! Wir sehen jedenfalls zu, dass wir nicht zum letzten Mal beim Free & Easy gewesen sind!

Ohne Dich – 24.07. München, Backstage

Nach einer ebenfalls noch recht vergnüglichen Aftershowparty im Backstage mussten wir am nächsten Tag dann die längere Fahrt nach Wiener Neustadt antreten. Dort wurde noch kurz in unserer sympathischen Unterkunft im heimeligen Pfaffstätten eingecheckt, wo wir schon vor drei Jahren residierten, dann ging’s zum Triebwerk in Wiener Neustadt. Zuletzt war ich dort vor 11 Jahren mit den Wohlstandskindern, und kurioser Weise läuft man vom Haupteingang aus direkt auf ein Tourposter der damaligen Tour zu. Das Konzert damals war das einzige WSK-Konzert, das wir zwischendurch wegen zu großer Hitze im Raum unterbrechen mussten – die Wetterlage nun versprach Ähnliches, auch wenn wir diesmal draußen im Biergarten spielten. Warum nun bei solch einem Wetter nur mäßig viele Menschen ihr Abendamüsement in diesen Biergarten verlegten, ist nicht ergründlich, die, die da waren, hatten aber augenscheinlich Spaß! Wir wurden wieder sehr nett betreut und dürfen uns beim Triebwerk bedanken!

Der Freitag war wieder ‚off‘ – was im Tourlaubkonzept ganz und gar nicht nachteilig ist: Das Strandbad in Baden bei Wien kann alles! Toller Bade-plansch-rutsch-sprung-Blubberbecken-Spaß mit allen Mann, und abends ging’s in den Heurigen 50 Meter neben unserer Unterkunft, wo der hauseigene Wein kredenzt wird. Man kann schlechter leben! Später am Abend verirrten wir uns noch in den Nachfolgeladen des ehemaligen ‚Roadhouses‘, in dem wir vor drei Jahren gespielt hatten, wo vorzügliche Musik aufgelegt wurde. Auf dem Heimweg entstanden kompromittierende Fotos, über die ich kein weiteres Wort verlieren möchte.
Auch am Samstag blieben wir so lang als möglich im Strandbad, bevor wir bei 40 Grad in die Innenstadt Wiens fuhren. Im Shamrock Pub waren wir vor drei Jahren auch schon, damals war zufällig der heißeste Tag des Jahres. Und wie soll es anders sein: Diesmal auch. Das Bier schmeckte wieder toll, der Laden ist sehr sympathisch, die Thekenkräfte sowieso, aber das Schicksal war gegen uns – nicht nur, dass verständlicher Weise jeder vernünftige Mensch möglichst kühle Orte im Freien aufsuchte und die unvernünftigen Menschen irgendwas anderes vorhatten, es gab auch noch Beschwerden vom Hotel nebenan wegen der Lautstärke. Wir japsten nach Luft, tranken noch ein Bier und dann noch eins und dann ergaben wir uns unserem Fatum – es hat nicht sollen sein. Danke ans Shamrock, wir kommen irgendwann mal im Winter wieder, im Sommer probieren wir es lieber nicht mehr!

Der Sonntag brachte keine Abkühlung, aber eine lebenspraktische Erkenntnis: Ohne Perso kann man in Kroatien nicht einreisen. Bzw. mit 250 Euro Buß-Schmiergeld dann doch. Aber dafür kann man sich auch viele andere Dinge kaufen.
Kroaten planen immer ein wenig anders, als wir es gewohnt sind und so war das Konzert in Rijeka zunächst von dort nach Opatija und dann 10 Tage vorm Termin wieder nach Rijeka zurückverlegt worden. Schwierig war es zunächst, die direkt am Stand gelegene Bar überhaupt mit dem Auto zu erreichen: Direkt daneben liegt nämlich das Fußballstadion und an diesem Abend spielte Dynamo Zagreb gegen Rijeka – zwei Vereine, die sich ganz doll mögen, wie das Polizeiaufgebot verriet. Alles war abgesperrt, aber die Grundvoraussetzung war nach den letzten beiden mager bis gar nicht besuchten Konzerten eine wundervolle: 12000 Menschen sahen 200 Meter von der Bühne entfernt das Fußballspiel an. Volk war also da! Eine weitere Sorge / Hoffnung betraf uns Wohnmobilisten: In Kroatien darf man nirgends einfach so parken und pennen – hier hatten wir aber einen Parkplatz unmittelbar am Strand, 100 Meter von der Bar entfernt – warum da noch wegfahren? Zwischenzeitlich befanden sich neben unseren zwei Wohnmobilen aber noch etwa 40 Polizeimannschaftswagen auf dem Parkplatz – wie will man da unbemerkt bleiben? Netterweise haben sich aber dann die Einsatzkräfte auf marodierende Fans oder sonstwas konzentriert, uns half man freundlich beim Umparken beim Aus- und Einladen, fast alles war entspannt und ermöglichte höchste Lebensqualität, wie dieser zufällig anwesende Celebrity kommentiert:

Lebensqualität – 28.07. Rijeka, Morski Prasac

Der Auftritt war etwas seltsam, da sich die Anwesenden natürlich in erster Linie für das Spiel von grad eben interessierten (Ausgang: 0 / 0), in zweiter Linie fürs Biertrinken und dann nebenbei auch vielleicht für uns. Deshalb teilten wir das Set in zwei Blöcke, der zweite endete etwas unfreiwillig, weil die Menschen an der Theke plötzlich die Musik wieder anstellten – nachdem wir den kroatischen Riesenhit ‚Mi plesemo‘ gespielt hatten, den wir vor drei Jahren schon für die Kroatienkonzerte lautmalerisch einstudiert hatten. Tatsächlich ist es nach diesem Lied auch schwer, noch einen drauf zu setzen, weil wirklich jeder mitgrölt, aber viele andere Standardlieder unseres Sets hatten wir noch gar nicht ausgepackt. Also tranken wir noch ein paar Bier mit den wiederum sehr netten Menschen, die uns betreuten und entschieden irgendwann, dass wir dann noch einen dritten Block dranhängen. Jene Trunkenbolde, die um die Uhrzeit noch da waren, zeigten auch ein aufrichtiges Interesse an uns, wir spielten am Ende noch einmal ‚Mi plesemo‘ und damit gab’s doch noch ein Happy End. Weil’s ja nur 20 Meter bis zum Wasser waren, bin ich dann nach dem Einladen noch mit Vatern schwimmen gegangen, der seit diesem Tag auch zu den Tourlaubern gehörte.

Mi plesemo – 28.07. Rijeka, Morski Prasac

Eine Ende hatte nach diesem Konzert tatsächlich auch schon der musikalische Teil unseres Tourlaubs – die andauernden 39 Grad Celsius und langen Autofahrten bekamen nicht jedem der Tourlauber zwischen 3 Monaten und 67 Jahren – daher haben wir die Konzerte in Zadar absagen müssen. Nicht zu Ende war jedoch der Urlaubsaspekt des Ausflugs: Am Tag nach dem Konzert in Rijeka sind wir allesamt auf die Insel Krk gefahren, wohin die allerletzten Nachzügler per Flieger angereist kamen, sodass wir schlussendlich alle Tourlauber im Badeörtchen Baska versammelt hatten. Dort hatten ein paar Ex-Punks eine halbwegs abgelegene Bucht in ein Hippie-Paradies verwandelt – abwechselnd lief  Trance-, Soul-, Punk- oder klassische Musik über die Boxen in den Pinien und die meisten Urlauber nackig herum,  kühles Bier gab’s an einer kleinen Holztheke, wenn man sich erdreistete, die Betreiber aus ihren Hängematten zu treiben und ansonsten war Idylle und – wie sträubt es mich, dieses schäbige Modewort zu verwenden, aber hier passt es einfach – ‚chillen‘ angesagt. Sehr dreist war es eines Abends, dass eine akustische Coverband an der Promenade von Baska Lieder wie etwa ‚End of the world‘ darbot, während wir nebenan aßen. Natürlich voll schlecht und uncool. Wir rümpften die Nase und konzentrierten uns auf unsere Touri-Aktivitäten. Und so endete unser Tourlaub im Süden einer Adria-Insel. Wer von uns einen richtigen Beruf hat, reiste anschließend ab, andere blieben und reisten weiter nach Cres oder an slowenische Wildwasserflüsse. Aber wer eine Vorstellung davon gewinnen will, schaue in seine eigenen Urlaubs-Fotoalben.